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Wien und seine Musik vor 45 Jahren


Ottakring – Eine Betrachtung im Wandel der Zeiten


Von Joe Hans Wirtl *)
     
Ottakring war eh und je die Hochburg an Musik, war es doch ein beliebter Ort, wo der Wein besonders gut gedieh und zu dem süffigen Wein rundete die Musik das Charakterbild dieses Weinortes ab. Selbst Kaspar Schrammel, der Vater der legendären Brüder Schrammel, geigte oft in Ottakring auf und erfreute sich großer Beliebtheit.

Ein Relikt aus dieser Zeit war die "Blaue Flasche", wo in den dreißiger, vierziger und fünziger Jahren das Tanzetablissement "Thumser" in der Neulerchenfelder Straße 12 beheimatet war und in dem Ferry Hecht mit seinen Solisten zum Tanz aufspielte. Am Schlagzeug und als Sänger war der uns bekannte Textautor Josef ("Pepi") Kaderka und dort wurde auch der Schlager "Zwa Bleamerln stehn am Wiesenrand" aus der Taufe gehoben. Nicht weit davon gab es die Tanzschule "Rausch", dort konnte man Boogie-Woogie in höchster Vollendung lernen. Weiter in der Neulerchenfelder Straße war der "Rote Apfel", ebenfalls ein Tanzetablissement, das aus der Zeit der "Blauen Flasche" und der "Weißen Birne" stammt. Tanzkapellen wie die "Sorrentos", "The Fife Hot" und auch die "Kolibris" waren dort zu hören. Nebenan befand sich das "Cafe Treffpunkt", ein Künstlertreff damaliger Musiker, Komponisten und Interpreten. Josef Fiedler war dort oft zu sehen und am Klavier und Akkordeon spielte der bekannte Komponist und Arrangeur Franz Hesik. Komponist Fran-kovsky war auch ein Ottakringer.

Weiter oben in der Ottakringer Straße, zwischen Steinergasse und Kalvarienberggasse, gibt es heute noch das "Cafe Florida", ein damals täglich überfülltes kleines Lokal, aber mit guter Musik. Der damals aufstrebende Wienerliedkomponist Richard Czapek spielte im Charly-Susan-Trio Gitarre und sang alte und neue Lieder sowie seine neuesten Kompositionen. Auch wir, damals noch Tanzmusiker, kamen gerne nach heißem Jazz ins gemütliche Cafe "Florida".

Beim Nepomuk-Berger-Platz gab es das "Cafe Glattau", ein Tag- und Nachtcafe sogar mit artistischen Einlagen. Greta Gritt war bekannt mit ihrem Stocksalto. Weiter draußen befand sich das "Etablissement Bachlechner", ein Überbleibsel aus dem vorigen Jahrhundert. Viele Tanzkapellen spielten dort, Mitternachtskabaretts und Frühschoppen mit Blasmusik fanden abwechselnd statt. Unmittelbar davor war die "10er Marie", damals die Nummer Eins in der Heurigenregion Ottakring. Das Komikerduo Wondra und Zwickl trat dort auf, auch die Kolibris, die Brüder Jellinek und viele andere. Daneben der "Fischer-Toni", ein Geheimtip für Wein- und Musikkenner. Zeitweise war der Schrammel-Paganini Rudi Pitsch zu hören, auf den ich bei meinem Grinzinger Spaziergang noch zurückkomme.

In der Ottakringer Straße begann schon bei der Veronikagasse der musikalische Fleur. Das "Cafe Föderl", ein Begriff für Kenner und Genießer der Wiener Musik. Filmschauspieler wie Hans Moser, Paul Hörbiger, Wal-traud Haas und alles was damals in der Szene war traf sich dort. Luzi Baierl interpretierte mit Franzl Schier die neuesten Wienerlieder von Karl Föderl wie "Was kann ich denn dafür, ein Zigeuner ist mein Herz". Als Musik hörte man Ingeborg Streit und Erika Hirsch, die von Konzertmusik bis zum Wienerlied ihr Programm perfekt beherrschten.

Ecke Lerchenfelder Gürtel und Neulerchenfelder Straße befand sich das "Weinhaus Perle", ein Weinlokal mit Musik und Tanz. Damals kostete ein Viertel Wein 2 Schilling. Für die musikalische Betreuung sorgten: Joe Nechville (Saxophon), Ferry Demmler (Klavier/Akkor-deon), Hans Wawarovsky (Schlagzeug) und Hans Bauer (Trompete), Gesang: Ria Nechville. Ein Abend dort war schon allein ein Erlebnis, denn um 18 Uhr gab es keinen Sitzplatz mehr, oft sind Tanzpaare in das Schlagzeug gestürzt und kleine Raufereien sind auch vorgekommen, aber dafür herrschte höchste Stimmung.

Zurück zur Ottakringer Straße: bei der Hubergasse war das "Cafe Alt-Wien", ein bürgerliches Kaffeehaus mit Billards und Klubtischen, doch abends verwandelte es sich wie so manche Cafes in ein Tanzlokal, wo man vom Ländler bis zum Tango alles tanzte. Die Kapelle Hurka spielte gekonnt und ging einfühlend zur Freude der Gäste auf jeden musikalischen Wunsch ein.

Beim "Stippert-Heurigen" gab es auch Musik, Alleinunterhalter Poldi Scherzer auf seiner Harmonika war ein sehr beliebter Musiker. Wenn wir die Thaliastraße hinunterwandern kommen wir zum "Cafe Lindauerhof", auch ein Tag- und Nachtcafe mit allabendlicher Musik. Bobby Karasek erfüllte seinem Vorstadtpublikum jeden musikalischen Wunsch und erfreute sich großer Beliebtheit. Bei der Kirchstetterngasse war das "Cafe Volek" mit Wochenendmusik, viele Stehgeiger mit Trio spielten auf. Einige sind mir noch in Erinnerung wie: Gustav Amon, Leo Baitek, Edi Stockhammer und Ferry Welten.

Am Lerchenfelder Gürtel wieder angelangt befand sich bei der Friedrich-Kaiser-Gasse das "Cafe Orpheus", auch ein Tanzcafe mit täglicher Musik. Es spielten dort abwechselnd auch griechische Musiker und es war ein sehr beliebter Treffpunkt von Nachtschwärmern.

Im "Cafe Sandleiten" war zum Wochenende Tanz und Unterhaltung ganz groß geschrieben. Die Kapelle "Freddy Pretsch" mit Musikern wie Walter Völkl (heute Professor), Ernst Burg sowie Vortragskünst-ler Willy Clauson, den Reschl-Geschwistern (heute Hilly Reschl, Seniorenclub) und viele andere Kollegen.

Am Ende meines Streifzuges durch Ottakring darf ich das "Cafe Götthans" nicht vergessen, es befand sich Ecke Lerchenfelder Gürtel und Koppstraße. Ein Lokal, das nie eine Sperrstunde kannte und die Endstation vie-ler Nachtschwärmer war. Vom türkischen Mokka über Würstel mit Saft, Eierspeise und Gulaschsuppe und natürlich herkömmlichen Getränken war alles zu haben. Auch für das musikalische Wohl war gesorgt, Karl Kabatnik war ein perfekter Pianist und verstand es, seine Gäste zu verwöhnen.
   

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Joe Hans Wirtl (6. 11. 1930 bis 9. 1. 2003), war Autor, Komponist, Musiker, Moderator, Notenautograph, Schriftführer beim Verein österreichischer Textautoren, 5 Jahre Präsident/Obmann der "Wienerlied-Vereinigung Robert Posch", ordentliches Mitglied der AKM; Träger des Ehrenzeichens der Stadt Wien in Silber, des Hutes vom lieben Augustin in Gold, des Goldenen Violinschlüssels, des Fenstergucker-Reliefs und der Robert Stolz-Medaille; nicht zuletzt war Joe Hans Wirtl Redaktionsmitglied der Wienerlied-Zeitung "Der liebe Augustin", der wir diesen Beitrag entnommen haben. Wir danken der Redaktion für die Erlaubnis! 
     
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erstellt am 08. 09. 04 © http://www.daswienerlied.at