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Quo vadis Wienerlied?

Von Prof. Gerhard Track *)
     
Wien ist in aller Welt bekannt als "Stadt der Lieder". Bereits um 1200 sang Walther von der Vogelweide "Z'osterriche lernte ich singen unde sagen". In Wien lebten Haydn, Mozart, Beethoven, Brahms, Bruckner, Schubert und Strauß. Wien war aber die Stadt eines "Lieben Augustin", der Schrammeln, der Volkssänger, der Harfenisten, der Bänkelsänger. Es gibt kaum eine Stadt in der Welt, die solch Tradition von Volksmusik aufweist, wie unser Wien. Es ging aber mit der Volksmusik - wir wollen sie einstweilen so nennen - aber nicht immer nur bergauf.

Die gefühlvolle Biedermeierzeit war keine Glanzzeit der Wiener Volkssänger. Die Qualität der Lieder wurde durch Grobheiten ersetzt, die Schönheit des Gesanges durch "g'sunde Röhr'n". Erst wieder im 19. Jahrhundert ging eine gewisse Reformation des Wiener Volkssängertums vor sich.
Die Wiener hörten wieder Lieder mit einem gewissen Niveau und keine Zoten und Gemeinheiten. Die Geschichte der Volkssänger und des Wienerliedes war vom Anfang an bis ins 19. Jahrhundert eng mit dem Heurigen verbunden. Es wäre aber falsch, diese Musik isoliert zu betrachten, denn die Wiener Lieder haben sich daraus entwickelt. Der Wiener Walzer, der Dreivierteltakt, Alt-Wiener Tänze, echte Wiener Institutionen, wie zum Beispiel der Fiaker (wir feiern 300 Jahre Wiener Fiaker), der Heurige, das Wiener Cafehaus, um nur einige zu nennen, dies alles finden wir in den Wienerliedern.

Sicher gibt es auch Lieder über Berlin, Paris, New York, man verliert sein Herz sowohl in Heidelberg als auch in San Francisco, aber das Wienerlied besingt nicht nur eine Stadt, die Geschichte dieser Stadt, die Gebäude und Sehenswürdigkeiten, diese Lieder besingen unser Leben, unsere Mentalität, sie besingen uns. Das Wienerlied gehört so zu Wien, wie unser Leben. Es besingt auch das Leben und oft auch den Tod. Vielleicht, weil diese Stadt dem Tod schon öfters in die Augen sehen mußte und immer wieder zu neuem Leben erwacht ist. Sicher, das Wienerlied ist oft sentimental aber auch sehr fröhlich. Wieviele Lieder bringen in humorvoller Weise den verschmitzten Wiener ans Tageslicht. Aber es kann auch sehr besinnlich sein. Es kann Persönlichkeiten der Vergangenheit besingen. Es ist eine musikalische Geschichte dieser Stadt. Es kann auch sehr auf Dialekt aufgebaut sein, daß das "schöne Wienerisch" vergessen macht. Man kann über das Wienerlied philosophieren und man wird doch nicht auf einen "grünen Zweig" kommen.

Ein Grund ist: Das Wienerlied lebt. Und es wird sich auch halten und es wird weiterleben, auch wenn … dem Wienerlied den "Hahn abdrehen" will, wie zum Beispiel durch "moderne" Strömungen im Wiener Rundfunk. Wir ver-missen sicher einige der uns lieb gewordenen Wienerlieder- Sendungen.

Aber vielleicht ist dies gerade eine gute Sache für das Wienerlied. Denn die Freunde des Wienerliedes werden weiterhin in verstärktem Maße die Säle füllen, wo Wienerliedvereinigungen ihre Veranstaltungen durchführen. Denke man nur an all die Lieder die Volksweisen geworden sind, als es noch kein Radio, Platte oder Fernsehen gab. Sicher, viele Komponisten, Textdichter und Ver-leger werden bei den AKM-Abrechnungen in den nächsten Jahren weniger bekommen, dafür wird noch mehr Geld ins Ausland wandern. Nun wird sich der Wienerlied-Freund halt mehr CDs und MCs kaufen, wenn seine Lieblingsmusik nicht mehr so oft im Rundfunk zu hören ist. Der Wiener bewies immer schon ein gewisses Talent von falscher Bescheidenheit. Wie stolz ist zum Beispiel der Amerikaner auf seine Musik. Fast jedes ausländische Symphonieorchester, das bei uns gastiert, bringt Musik seiner zeitgenössischen Komponisten mit. Selten jedoch findet man ein Werk eines lebenden österreichischen Komponisten in den Tourneeprogrammen unserer Spitzenorchester, wenn sie im Ausland gastieren. Doch aus langjähriger Erfahrung kann ich sagen, daß die Wiener Musik und das Wienerlied im Ausland geschätzt, gesungen, aufgeführt und geliebt wird. Nur, "der Prophet im eigenen Land..." (Sie wissen schon, was ich jetzt meine …)
 

Trotz allem aber möchte ich – so wie es Walter Heider singt – sagen: "I hab ka Angst ums Weanerliad." Solange es solche Wiener Idealisten gibt, wie zum Beispiel ein Hans Schmid, der Sohn des legendären Wienerlieder-Sängers Schmid Hansl, der das Cafehaus seines Vaters als Heimstätte des Wienerliedes weiterführt, wenn alle unsere Wienerliedvereinigungen weiterhin volle Häuser haben und sich um das Wienerlied von gestern und heute bemühen, solange man beim Heurigen die "echten Wiener Tanz" und Lieder hören kann, solange das Wienerlied im Volk verwurzelt ist, solange unsere diversen "Strauß"-Orchester, Chöre und Ensembles in die fernsten Länder eingeladen werden, solange noch die Schrammelmusik in China verlangt wird, solange noch Stars, wie Domingo "Wien, Wien nur Du allein" singen, solange noch … solange wird es ein Wienerlied geben. Würden sich nur jene Leute, die es nicht glauben, daß das Wienerlied lebt, ein wenig ins Volk mischen und herumhorchen. Sie würden wahrscheinlich verwundert staunen, daß nicht nur die ältere Generation das Wienerlied liebt, gerne hört und singt, sondern auch die Jugend. Und deswegen glaube ich auch an den Fortbestand unseres Wienerliedes.
     
*) Prof. Gerhard Track kann man ruhig als musikalischer Botschafter Österreichs bezeichnen. Er war als Dirigent bei den bedeutendsten Orchestern in Australien, Asien und Amerika tätig. Durch seinen Vater Ernst Track hat er auch eine sehr starke Verbindung zur Wienermusik. Seine beiden Söhne sind heute in Kalifornien in der Musik tätig. Dorthin zieht es Prof. Gerhard Track auch mehrmals im Jahr.
   

Wir haben diesen Beitrag der Wienerlied-Zeitung "Der liebe Augustin" entnommen und danken der Redaktion für die Erlaubnis! 

     
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erstellt am 08. 09. 04 © http://www.daswienerlied.at