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Wienerlied 2003

Eine Betrachtung zweier Ausübender – von Thomas Hojsa und Helmut Emersberger *), die 2003 von der Kulturabteilung der Stadt Wien mit dieser Studie beauftragt wurden.
     
Inhalt
Die neuen Entwicklungen
Wienermusik in der Schule
Wienermusik in der Hochschule
Wienermusik und Tourismus
Wienermusik in den Medien
Wienerlied und Gastronomie
Zusammenfassung

Nachdem sich die Nebel der Nachkriegswirren zu lichten begonnen hatten, keimte in der prä-televisionären Ära der Wunsch nach Entertainment mit lokalem Bezug naturgemäß neu auf. Die Heurigenszene boomte, die Menschen waren bereit, für Ablenkung von der Aufbauarbeit des zum Teil zerstörten Wien Geld auszugeben. Ein goldener Boden für die Wiener Musik und ihre Protagonisten. Tieftraurige Jenseitsfantasien und ekstatische, den Weinkonsum fördernde Darbietungen entsprachen dem Zeitgeist, geprägt von einer Mixtur aus Vergessen und Neustart. Nachdem die Konsolidierung der österreichischen Seele halbwegs fortgeschritten war, lag die Zertrümmerung des Mythos Wienerlied förmlich in der Luft. Gerhard Bronner und Helmut Qualtinger bzw. Georg Kreisler erledigten diese Aufgabe perfekt. Das Wienerlied wurde (wie übrigens in den 90ern der Austropop) zur "Peinlichkeit Nummer 1" erklärt. Der Generationskonflikt manifestierte sich als Kontroverse zwischen Rock'n'Roll und Heurigenunterhaltung. Daraus resultierte die Versammlung des Wienerliedpublikums bei Toni Strobl's Spitzbuben und deren Kombination aus Parodie, amerikanischer Schlager mit wienerischen Texten und dem besonderen Spezifikum des Witzeerzählens. Für die "ernsthaften, pflegerischen" NatursängerInnen blieben wenig Alternativen. Die Meisterdudlerin Trude Mally (sang bei den Staatsvertragsverhandlungen) wurde Kassierin in einem durchaus als resch zu bezeichnenden Kino, Pepi Matauschek, verst. 2000, Sproß einer legendären Wienerlieddynastie, wechselte nach Linz als Gastronom, die Hojsa-Buam wichen nach München aus etc. Das Wienerlied, das Dudeln, die Schrammelmusik gerieten nahezu in Vergessenheit. Der ORF reagierte, die Autoren, Komponisten und Verleger waren in der Lage, medial entgegenzusteuern. Heinz Conrads mit seinen Sendungen war der Fels in der Brandung, danach sind lediglich Prof. Hodina, Klaus Schulz und Ernst Weber auf Radio Wien (Samstag nachmittag) auf den Plan getreten. Besagter Prof. Hodina und Horst Chmela versuchten mit Erfolg einen cross-over amerikanisch geprägter Unterhaltungsmusik und Wienerlied zu lancieren, Personen mit anderem Zugang entwickelten parallel dazu den Austropop, die Geschichte desselben kann als bekannt vorausgesetzt werden. Beiden Richtungen liegt die Kombination von Wiener Dialektdichtung und mehr oder weniger progressiven Ansätzen in bezug auf die musikalische Weiterentwicklung zugrunde. Roland Neuwirth war später vielleicht so eine Art "missing link"; er war stets bemüht, den Konnex zwischen Blues und Wienerlied herzustellen, und versuchte eine Nische im Austropoppublikum zu besetzen, was ihm auch tadellos gelang. Als in den 90ern diese Variationen ausgereizt schienen, blieb als Konsequenz für dialektinteressierte, junge Interpreten nur ein Weg: Purismus, unbelastet von den Versuchen bzw. Ansätzen der "Altvorderen". Paradoxerweise manifestierte sich dieses Bestreben als avantgardistischer Akt, sozusagen als "Reset". Durch die mediale Aufmerksamkeit, die dadurch hervorgerufen wurde, entstand eine Szene von "Jungen Wilden", die wir heute als "Neue Wiener Welle" bezeichnen. Sogar dem Aussterben der bedrohten Kunstform des Dudelns, der wienerischen Ausprägung des alpinen Jodelns, konnte - interessanterweise ohne Beteiligung der sogenannten Pflegevereine - Vorschub geleistet werden. Die sich neu entwickelnden Ensembles haben zum Teil einen sehr unbelasteten Zugang zur Materie Wienerlied gefunden.

Es kann davon ausgegangen werden, dass der umgangssprachliche Begriff "das Wienerlied" mehrere Stilrichtungen des Genres zum Inhalt hat; jedenfalls mehr als der wissenschaftliche Ausdruck "das Wienerlied", der eine musikalische Form einer bestimmten Epoche meint. Die sich daraus ergebende Problematik führt zu einer allgemeinen Begriffsverwirrung, bei der jeder etwas anderes meint und bei der bestenfalls die Diskussion darüber entsteht, was denn nun das Wienerlied wirklich sei. Man kann in diesen Gesprächen Wörter wie "echt" oder "authentisch" hören und zwar oft ohne, dass schlüssige Argumente gleich mitgeliefert werden. Je länger diese Diskussion schon geführt wird, und wir nehmen an, dass sie seit mindestens 150 Jahren geführt wird, desto mehr verbeißt sich die Katze in ihren Schwanz und die Diskutanten laufen im Kreis.

Wir sind der Meinung, dass die Diskussion auf eine andere Ebene geschoben gehört. Man muss, anstatt sich ständig in einem Mikrokosmos zu bewegen, betrachten, in welchen heutigen verwandten Arten der Volkskunst das gesamte Genre eingebettet ist und welcher gemeinsame Nenner gefunden werden kann. Denn eines kann bei dem Begriff "Volkskunst" nicht außer acht gelassen werden, nämlich das, was tatsächlich "das Volk", die kleinen, aber auch die sogenannten großen Leute, darüber denken. Beider Beurteilung darf nicht unerheblich sein. Nun wissen wir durch zahlreiche Gespräche mit Vertretern verschiedenster sozialer Schichten, dass die Namen Chmela, H.C.Artmann oder Wolfgang Ambros mit dem Begriff "Wienerlied" öfter assoziiert werden als Fiebrich, Kronegger oder Gruber. Der gemeinsame Nenner kann unserer Meinung nach nur der "heute gesprochene Wiener Dialekt" sein.

Die neuen Entwicklungen
Bronner konvertierte das Wienerlied zu Kabarettlied (Krügerl vorm G'sicht, Die alte Engelmacherin), Prof. Hodinas Werke liebäugeln mit dem Jazz-Swing, Roland Neuwirth entdeckte die Verwandtschaft zum Blues, Horst Chmela fusionierte das Wienerlied mit dem volkstümlichen Schlager. Alle diese Entwicklungen waren spätesten Mitte der 80er Jahre entweder ausgereizt oder auf Schienen. Pause. Das Festival Herz.Ton.Wien im Jahr 1994 , durchgeführt von Mag. Rossori, finanziert durch die AustroMechana, zeigte die damals aktuellen Strömungen, allen voran die Punkgruppe "Dead Nittels" mit ihrem Programm "Letzte Ausfahrt Simmering". Ausgangsmaterial - Wienerlied. Umsetzung - Punkmusik. Weiters das damals neu formierte Ensemble "Kollegium Kalksburg" mit einer Mischung aus traditionellem Wienerliedrepertoire und selbstverfassten Wiener Chansons und nicht zuletzt das Debüt des "legendären Stadtbahnquartettes" mit einer explosiven Mixtur, bestehend aus Zappa-inspirierten, collagierten Elementen aus dem wienerischen Formenschatz. Auch der Kabarettist Richard Weihs hatte stets ein Naheverhältnis zu Wiener Musik, als Beispiel sei hier nur seine Parodie auf die "Reblaus", mit Namen "Filzlaus" angeführt. Andere junge Formationen legten parallel dazu ihr Hauptgewicht auf "traditionelle" Interpretationen, sich selbst - angesichts der eher trüben Situation in diesem Bereich - als eine Art "Avantgarde" verstehend. Mitte der 90er kam es aufgrund persönlicher Bekanntschaften zu einer Art "Fusion" dieser beiden Cliquen, deren Resultate wir getrost als "Neue Wiener Welle" subsummieren können (siehe CD "Wienerlied 2001", nonfoodproductions). Die neuen Entwicklungen sind allerdings - im Gegensatz zu den diversen cross-overs von alpinen Volxmusikgruppen (Hubert von Goisern, attwenger, Broadlahn, Hardbradler etc.) - den Augen der Musikindustrie bis dato interessanterweise verborgen geblieben, was sich zwar einerseits nicht unbedingt motivierend auf die Akteure auswirkt, andererseits naturgemäß einen gewissen Underground-Charakter dieses Mouvements konserviert, der ja angeblich die Voraussetzung für kommerziellen Erfolg darstellt. Die Rezeption der relevanten Medien kann momentan durchaus als verheerend bezeichnet werden, wobei man sagen muss, dass die vom Enthusiasmus abgelenkten Akteure noch keine nennenswerten Aktivitäten gesetzt haben, diesen Zustand zu ändern. Im Jahr 1995 kam es zur Einrichtung eines jour fixe im "Aktionsradius Augarten" mit Namen "Neue Wiener Welle", gehostet vom "Legendären Stadtbahnquartett", das einmal pro Monat ein Gastensemble präsentierte. Es gelang, die Szene zu vernetzen und zur Überraschung vieler hatte diese Veranstaltungsreihe eine Kontinuität, die sich bis heute in gewisser Weise erhalten hat. Das Wienerliedfestival "neue heim.at-lieder", durchgeführt vom Gastronomen Ossi Schellmann im Jahr 2001, war der Versuch, die Neue-Wiener- Welle-Szene mit der weltbekannten Wiener Elektronik-DJ-Bewegung zu verbinden. Resultat waren die FM4-Hits "Meine Freunderl und Bekannten" von Gerald Votava bzw. die Produktion "Wiener Gspia" von der gefeierten Hip-Hop-Formation waxolutionists plus Hojsa-Emersberger und der Rap-Einlage von Herrn Prokopetz junior, beides Kombinationen von original Wienerliedern und Elektronik-beats. All das änderte, abgesehen von punktuellen Erträgen, nichts an der zum Teil katastrophalen ökonomischen Situation der Träger dieser Kultur. Die "Traditionalisten" werden aufgrund fehlender Medienpräsenz in der Gastronomie als "normales" Servierpersonal behandelt, Vertreter der NeuenWienerWelle haben aus dem selben Grund oft nicht einmal den Status eines "Newcomers". Die in Wien nicht seltenen Talente werden so abgeschreckt vom Berufsbild "Wienerliedmusiker, Wienerliedsänger etc.". Auch die Künstlersozialversicherung verweigert Wienerliedinterpreten die Aufnahme, es sei denn, sie sind auch Komponisten und Autoren. Einmalige Gagen bei Festivals sind unter diesen Voraussetzungen als "Strohfeuer" zu bewerten; manche von der MA7 subventionierte Festivalveranstalter gehen sogar so weit, den Akteuren keine Fixgage zu garantieren; rinnt die Fördersumme in Infrastruktur und Werbung? Wir wissen es nicht.

In der Szene sind Personen aktiv, deren primäres Ziel es nicht ist, in diesem Bereich kommerziell erfolgreich zu sein. Produktion von Tonträgern wird aufgrund der Verbannung aus dem Radio im Normalfall als "Himmelfahrtskommando" bezeichnet, was den künstlerischen Ambitionen bzw. Neuentwicklungen einen Riegel vorschiebt. Trotzdem existiert ein Häuflein Unerschrockener, das sich in "Brotberufen" verdingen muss (Rockstar, RadiomoderatorIn, TonträgerproduzentIn, KellnerIn, MusikerIn, SchauspielerIn), um sich den Luxus der "Pflege", um den konservativen Terminus zu gebrauchen, leisten zu können.

Wienermusik in der Schule
Es ist für die "normal" ausgebildeten Lehrkräfte im Musikunterricht nicht einfach, den SchülerInnen Wienerlieder näher zu bringen. Dies hat einen einfachen Grund: Die Musik dieser Stadt ist nicht - wie die alpine Volksmusik - auf zwei Harmonien beschränkt, sondern in den meisten Fällen extrem kompliziert. Dadurch ergeben sich für Musikpädagogen (so sie überhaupt an der Materie interessiert sind) massive Probleme bei der Vermittlung. In der Ausbildung wird dem Vernehmen nach lediglich gehört, maximal gesungen, aber in den seltensten Fällen musiziert, sodass man - ein Unterschied zu den Bundesländern - hier nicht von einer Selbstverständlichkeit bzw. Souveränität sprechen kann, die für die Weitergabe an die Klasse ja Voraussetzung ist. So bleibt es bei den bekanntlich extrem seltenen Musikhörstunden. Eine weitere Schwierigkeit ergibt sich aus der scheinbar in allen Wienerliedtexten vorherrschenden Verherrlichung übermäßigen Alkoholkonsums, die viele wohlmeinende Pädagogen von einer Näherbringung von Wienerliedern Abstand nehmen lässt. Und nicht zuletzt gilt der Wiener Dialekt leider noch immer in manchen Kreisen als nicht gesellschaftsfähig. Doch für all diese vermeintlich unüberwindbaren Hindernisse gäbe es Abhilfe. Die bundesweite Initiative "mit allen Sinnen", finanziert vom BMUkA, stellt auch in Wien Geld für Volksmusikprojekte an den Schulen zur Verfügung. Das Budget wird vom Wiener Volksliedwerk in seiner gewohnt besonnenen und stets mit Augenmaß agierenden Art verwaltet. Es reicht für ca. zehn von Musikern begleitete Projekte mit Schulklassen pro Jahr. Unser Konzept für die fünfte bis zwölfte Schulstufe wurde in acht Jahren des Bestehens von "mit allen Sinnen" gezählte zweimal in Anspruch genommen. Ansonsten gab es, man beachte: Musikhörstunden. Zum Beispiel mit Prof. Hodina oder Herrn Neuwirth, die die SchülerInnen in ziemliches Staunen versetzten, wie auf den Videodokumentationen zu sehen ist. Hier unsere Konzeption in Form eines realen Fallbeispiels: Im Jahr 1998 starteten wir im Rahmen von "mit allen Sinnen" ein Projekt in der HBLA Michelbeuern auf Einladung von Herrn Mag.Wiltschnig. Es war auf vier Doppelstunden anberaumt, Mag.Wiltschnig unterrichtete die Klasse nicht nur in Musik, sondern auch in Deutsch und war überdies Klassenvorstand. Die SchülerInnen, zwischen 15 und 17 Jahre alt, besuchten den Zweig für Tourismus und Gastronomie. Wir verwendeten die erste Einheit, um eventuelle Vorkenntnisse aufzuspüren bzw. Wienerlieder möglichst verschiedener Stilrichtungen kommentiert zum besten zu geben; in der zweiten Einheit sangen wir bereits gemeinsam "Oh du lieber Augustin", "Heut kommen d'Engerl auf Urlaub nach Wean" u.ä. Ziel war es, die Ästhetik näher zu bringen, zur Selektion zu bewegen, einen Konnex zur beruflichen Zukunft herzustellen, bzw. zur Umdichtung bestehenden Materials aufzurufen. Anfangs noch als seltsame Wesen beäugt, waren wir erstaunt, nach einem kurzen Brainstorming die sich herauszukristallisierende Idee eines Wienerliedes, kombiniert mit einer gerappten Version des Rezeptes für Wienerschnitzel fixieren zu können. Die SchülerInnen verfassten die Texte und in der folgenden Woche waren bereits zwei Gitarren, Bassgitarre und Schlagzeug im Spiel, gemeinsam wurde an einer Endfassung geschliffen. Es schwebte die Präsentation bei der Schlussveranstaltung "mit allen Sinnen-Wien" im Raum und trotz starker Abwanderungs- bzw. Verweigerungstendenzen erschienen - es kann nicht bestätigt werden, dass es sich um eine "brave" Klasse gehandelt hatte - mehr Mitwirkende als von uns erwartet bei der Performance am Schulschiff. Heiß war es, sowohl im Saal als auch während des Auftritts in Anwesenheit von Dr.Scholz, Frau Dr.Gürtelschmied und diversen Wienerliedgrössen. Alles gut gegangen. Herzliche Verabschiedung.

Zwei Monate später der überraschende Anruf mit der Nachricht, dass wir mit "unserer" Klasse zur bundesweiten Präsentation nach Salzburg eingeladen wurden. Die Reise traten alle gemeinsam an, einer der Gitarristen der Klasse spielte von Hütteldorf bis Salzburg HBf ohne Pause Austropop-Superhits. Es gibt Leute, die behaupten, das interessiere niemanden. Aber bitte. Langer Rede, kurzer Sinn: Der Auftritt in der Residenz war fulminant, Radio, Fernsehen, alle da. Die aftershowparty legendär, die Radioaufzeichnung am nächsten Tag gelungen. Heimfahrt - siehe Hinfahrt. Voriges Jahr traf ich zufällig einige Schüler dieser Klasse in der U- Bahn nach ihrer Exkursion in eine Brauerei. Sie erkundigten sich nach einigen Liedern und versicherten, dieses Projekt habe manche von ihnen ihren Entschluss, nach dem 9.Schuljahr zu demissionieren, revidieren lassen. Ein wichtiger Schritt wäre die Konfrontation der Lehrkräfte mit diesem Konzept. Die Fachschulinspektorin für Musik, Frau Dr.Gürtelschmied, und Frau Mag. Walcher vom Österreichischen Volksliedwerk haben schon ihre Bereitschaft für die Durchführung solcher Weiterbildungsseminare bekundet.
   

Dialektlesebuch
Ein Dialektlesebuch für die Schulen bedeutete, Werke und Stilrichtungen zusammenzufassen, die oft als "nichts-miteinander-zu-tun-habend" betrachtet werden, hier seien nur einige angeführt:

Nestroy-Stücke bzw. Couplets, Texte der Kaffeehausliteraten, der Wiener Gruppe, Mundartdichter (Marzik, Krutisch), Kabarettnummern aus allen Epochen bis heute, Lieder des Austropop (Ambros, Danzer, Ostbahn), ausgewählte Wienerlieder, Filmszenen (Mundl, Kottan, Kaisermühlenblues), Transkription von Edi Finger- Reportagen bzw. legendären Sportlerinterviews, etc.

Dies würde auch die Funktion des Wienerlieds als Träger des Wiener Dialektes beleuchten und der Einzug dieser Materie in den Deutschunterricht wäre somit möglich.

Wienermusik in der Hochschule
Es gibt keine Möglichkeit, Knopfharmonika, Kontragitarre, Schrammelgeige und Wienerliedgesang an einem Konservatorium zu erlernen! Das ist laut Prof. Gerlinde Haid nicht im Österreichischen Hochschulgesetz vorgesehen, daher auch nicht möglich. Frau Dr. Gürtelschmied schlug vor, einen Lehrstuhl für Wienermusik an einem der Privatkonservatorien einzurichten, wir sind dafür, diese Initiative mit Nachdruck zu unterstützen.

Dr. Rudolf Pietsch gelang es im Jahr 2001, Roland Neuwirth für einen zum Teil geblockten Lehrgang an der Universität für Musik und Darstellende Kunst zu gewinnen. Wie wir uns am Abschlussabend überzeugen konnten, eine fantastische Sache für alle Beteiligten und ein verfolgbares Modell, die "Sperre" an den Hochschulen zumindest zum Teil zu durchbrechen. Einige der TeilnehmerInnen treten bereits öffentlich auf, es haben sich Ensembles, sogar mit Dudlerinnen (!) gebildet.

Wienermusik und Tourismus
20% aller deutschen Städtereisenden kommen nach Wien. Viele von ihnen buchen dann (oder schon vorher) ein Ausflugsprogramm, das zumeist einen Praterbummel, eine Schifffahrt durch die Wachau und einen Grinzing-Besuch enthält. Dieses Programm wird zumeist von "Wien-Anfängern" in Anspruch genommen. Besucher, die schon in Wien waren, also "Wiederholungstäter" sind erfahrungsgemäß auf der Suche nach dem "Echten". Wir waren einige Male eher zufällig bei Reisegruppen engagiert und boten bei diesen Gelegenheiten ein Programm, das zwar auf Verständlichkeit der Texte ausgelegt war, aber im Großen und Ganzen doch ausschließlich Wienerlieder enthielt und ernteten erstaunte Zustimmung und Reaktionen wie z.B. "Wir sind zum fünften Mal in Wien und haben immer versucht, so etwas zu finden. In Grinzing ist es uns nicht gelungen" Es ist in der Tat ein Ding der Unmöglichkeit für Touristen, die "Wiener Volksmusik" in Wien zu finden. Das liegt wahrscheinlich daran, dass diese beim Grinzing-Besuch inkludiert ist bzw. inkludiert zu sein scheint. Dort wird ein eher seltsam anmutendes Repertoire von schlecht bezahlten Unterhaltern geboten, das zumeist nicht einmal im weitesten Sinn als Konfrontation mit Wienermusik bezeichnet werden kann. Die "Touristenunterhalter" schielen naturgemäß auf das Körberl mit dem Trinkgeld (in dem ohnedies meist nur Münzen landen) und glauben, dieses am allerwenigsten mit "echten" Wienerliedern füllen zu können. Der Konsum des Grinzinger Weines relativiert dann die Qualität der musikalischen Darbietungen schnell und darum sehen die Reiseveranstalter offenbar keinen Grund, hier umzudenken.

Dass es dadurch zu einer völligen Verfälschung des Ausdrucks der Wiener Bevölkerung durch seine Lieder kommt, ist den Veranstaltern natürlich nicht so wichtig wie die Attraktivität der Kalkulation dieser Ausflüge, die als "Erlebnis" verkauft werden. Pauschal berechnet, beinhaltet dieses Standardpaket den Transfer nach Grinzing und zurück, eine Mahlzeit, ein oder zwei Viertel Wein und - nicht zuletzt - die Heurigenmusik. Nach Auskunft eines Betreibers eines Wiener Reisebüros sind die Heurigenwirte mit den Veranstaltern vertraglich verbunden, diese Strukturen also als eher starr einzustufen.

Es wäre dringend notwendig, eine Alternative anzubieten. Dass das Wienerlied etwas wie Hintergrundmusik ist, ist eine bedauerliche, aber anscheinend weitverbreitete Fehleinschätzung. Die wahre Kraft wird erst offenbar in einer Vortragssituation auf einer Bühne, auch wenn diese nur aus zwei Bierkisten besteht. Nur im Kontext "Heurigenbesuch" ist in dieser Beziehung wahrscheinlich nichts mehr zu machen. Ganz anders z.B. auf dem Donauschiff, wo wir auch schon für Touristen spielen durften. Wir wurden zwar regelmäßig durch Lautsprecheransagen mit Informationen über die Landschaft unterbrochen, es war aber trotzdem eindeutig zu merken, dass die Konzertsituation alles in ein komplett anderes Licht stellt. Diese Situation gilt es herzustellen. Ob auf einem Schiff, oder im Zuge des "Praterbummels", eine Stunde Bühnenprogramm für Touristen wäre optimal (übrigens auch für nicht deutschsprachige, man müsste lediglich den Anteil der Instrumentalmusik anheben und eventuell fremdsprachig moderieren.) Eine kleine Gruppe von vier Personen könnte auf der Bühne vor einem Publikum von 2-3 Bussen (etwa 120-180 Personen) Wunder wirken. Aber auch hier gilt es, die Wiener Sprache, den Wiener Dialekt in seiner Bedeutung hervorzuheben, ein stark unterschätztes Faktum ist, dass viele Touristen nicht zuletzt wegen der Sprache nach Wien kommen; verstanden wird man, das können wir aus eigener Erfahrung bestätigen, im gesamten deutschsprachigen Raum besser, als sich das die Wiener vorstellen können.

Aufgrund vieler Gespräche mit deutschsprachigen Nichtwienern liegt das an der - leider in letzter Zeit abnehmenden, aber trotzdem nicht zu knappen - medialen Verbreitung der Hans Moser-Paul Hörbiger-Filme bzw. in Österreich an Mundl, Kottan und Kaisermühlenblues. Aus diesem Grund sollten in solch einer "Tourismusshow" auch Geschichten und Gedichte aus Wien zum Vortrag gebracht werden und so das Wienerlied eher in den Kontext des Dialekts als wie bisher ausschließlich in den der Volksmusik gestellt werden, was seiner tatsächlichen kulturellen Bedeutung sowohl für Wiener als auch Nicht-Wiener viel eher gerecht würde.

Für die Realisierung dieses Programms gibt es nach unserer Auffassung 3 naheliegende Lösungen:

  • Eine Schifffahrt Donaukanal-Donau
  • Als Teil des Praterbummels (Vorgespräche mit einem Lokalbetreiber in der Praterau wurden bereits geführt)
  • In einer neuzuschaffenden "Heimstätte des Wienerlieds"  
   

Fallbeispiel
Ehepaar Krause aus Dortmund bucht einen Städteflug nach Wien. Neben einem Besuch der Staatsoper (Burgtheater, VBW etc) ist der zweite Abend für einen Heurigenbesuch vorgesehen. Nach dem Besuch des Hundertwasserhauses fährt der Bus Richtung Grinzing. Im Pauschalpreis sind ein Viertel Weißwein, ein Putenschnitzel mit Salat und Wienermusik inkludiert. Nach dem Verzehr der kulinarischen Köstlichkeiten tritt das Wiener Duo (Gitarre + Harmonika) Quasnicka- Bäuerle auf den Plan. An einem Tisch sitzend, das obligate Körberl fürs Trinkgeld bereitgestellt, beginnt das Programm. Auch ein Reisebus mit japanischen Touristen wird im gleichen Saal bewirtet. Die Darbietung beginnt mit dem Donauwalzer, danach "Wenn ich mit meinem Dackel von Grinzing heimwärts wackel", geht über in "Warum ist es am Rhein so schön" wieder zurück zu "Aner hat immer des Bummerl", um schließlich dem japanischen Publikum zuerst mit der nordkoreanischen Nationalhymne, Ausschnitten aus der "kleinen Nachtmusik" und diversen asiatischen Volksliedern gerecht zu werden. Nach zwei Stunden ist der Spaß vorbei, das Ehepaar Krause bedankt sich bei den Künstlern vermittels Einwerfen von 1€ ins Körberl für den unvergesslichen Kunstgenuss. Ein zwischen den Zähnen hervorgepresstes "schleichts eich ham" (natürlich nicht wirklich zu hören) begleitet die Gäste der Weltmusikhauptstadt Wien zum Bus. 17 Das Wienerlied hat keine Heimstätte Das Konzert-Cafe Schmid Hansl bzw. der Bockkeller, betrieben vom WVLW, erheben den Anspruch, eine solche zu sein, werden diesem aber nur zum Teil gerecht.

Das Cafe Schmid Hansl öffnet täglich ab 20.00 Uhr seine Pforten und hat bis 4 Uhr früh geöffnet. Konzertbetrieb ist die Ausnahme, obligatorisch ist Tisch- bzw. Klaviermusik, vorgetragen vom Hausmusiker Rudi Luksch. Das Ambiente ist vortrefflich, allerdings stöhnen die Besucher über die hohen Preise. Das System ist seit dem Tod des legendären Sängers Schmid Hansl, dessen Sohn Hans Schmid das Lokal heute führt, unverändert. Das Cafe ist vornehmlich für den Nachtbetrieb ausgelegt, in den 50ern, 60ern, 70ern des vorigen Jahrhunderts galt es als todchic, nach dem Theater -bzw. Heurigenbesuch zum Schmid Hansl zu pilgern, was übrigens auch für die Protagonisten der Wienerliedszene galt, die sich "nach der Hackn" dort versammelten. Abend für Abend war "Highlife" garantiert, was man auch auf den im Lokal aufgehängten Fotografien deutlich sehen kann. Allerdings erlitt das Cafe ein mit der Löwingerbühne vergleichbares Schicksal. Nach dem Ableben des Häuptlings wurde es ohne Modifikationen weitergeführt, was naturgemäß nicht funktionieren kann. Dornröschenschlaf.

Das WVLW veranstaltet im Bockkeller, der wenig auf Gastronomie ausgelegt und akustisch denkbar ungeeignet ist, seine Abende, vom Präsidenten Herbert Zotti in der ihm eigenen Art moderiert. Man sieht meist die gleichen Gesichter, den "harten Kern" der Wienerliedfreunde. Dieser harte Kern schätzt aber wiederum mehr das Wirtshausambiente; dieser Kreis ist jedoch zu klein, um ein kommerziell ausgerichtetes Lokal erfolgreich betreiben zu können. Der Kreis der Wienerliedsympathisanten ist größer, braucht jedoch in höherem Ausmaße Integrationsfiguren bzw. -orte. Und die wichtigste und größte Gruppe sind die Wienerliedfans, die nicht wissen, dass sie welche sind. Erklärung: Wir haben oft die Beobachtung gemacht, dass Leute völlig erstaunt darüber waren, "wie leiwand das eigentlich ist" und fragten, "wo kann man das hören?" Die Antwort ist sehr schwierig. 18 Um den Kreis der potentiellen Besucher entscheidend zu erweitern, schlagen wir vor, das Wienerlied in den größeren, aber nicht weniger stimmigen Kontext des Wiener Dialekts zu stellen, anstatt, so wie die Vereine das gerne tun, in den Kontext der Volksmusik. Ein wichtiger Schritt wäre ein Veranstaltungslokal, dessen Generalmotto lautet "Wiener Dialekt". (H.C. Artmann erklärte kurz vor seinem Tod, er fände "Taxi Orange" wäre eine grandiose Sendung, sie wäre die einzige, in der die Akteure ungezwungen Dialekt sprächen).

Ein Wirtshaus mit ca. 120 Verabreichungsplätzen, kleiner Bühne, Ton- bzw. Lichtanlage wäre das geeignete Objekt; betrieben und programmiert von einem Trägerverein, der die Gastronomie an eine dritte Person verpachtet, mit einem Gagensystem wie die großen Kabarettlokale.

Mit diesem Modell ergäbe sich wie von selbst die Gelegenheit, Wienerlied, Neue Wiener Welle, Literatur, kleines Theater, die Vereine und vieles mehr unter einen Hut zu bringen und eine wirkliche Heimstätte des Wienerliedes zu schaffen. Weiters eröffnete sich auch die Möglichkeit, neue Formen der Unterhaltung für die "Bustouristen" (einstündige Programme mit traditionellen Wienerliedern) auf die Bühne zu stellen und einen Kontrapunkt zum "Grinzingtourismus" zu kreieren. Hier nun ein fiktiver aber nicht unrealistischer Spielplan für 3 Monate:

  1. Montag
  2. Dienstag
  3. Mittwoch 1. Wiener Pawlatschen AG
  4. Donnerstag Vereinsabend "Das Wienerlied"
  5. Freitag 1. Wiener Lesetheater - Der Talisman/Nestroy
  6. Samstag Wolfgang Böck liest H.C.Artmann
  7. Sonntag
  8. Montag
  9. Dienstag
10. Mittwoch Wienerlied-Karaoke
11. Donnerstag Lesung Christian Qualtinger
12. Freitag Stammtisch Neue Wiener Welle
13. Samstag Kollegium Kalksburg
14. Sonntag 11.00 Uhr Frühschoppen Christl Prager, Walter Heider
15. Montag
16. Dienstag
17. Mittwoch
18. Donnerstag Stammtisch Trude Mally - Roland Sulzer
19. Freitag Roland Neuwirth Trio
20. Samstag zu Gast aus München: 1. Couplet AG
21. Sonntag
22. Montag
23. Dienstag
24. Mittwoch DJ Ernst Weber präsentiert historische Aufnahmen
25. Donnerstag Nachwuchsabend für Wienerliedinterpreten
26. Freitag Strizzilieder - Adi Hirschal/Wolfgang Böck
27. Samstag Lesung Ernst Hinterberger/Duo Hojsa-Emersberger
28. Sonntag 11.00 Uhr Frühschoppen Hojsa-Schaffer/Hodina-Koschelu
29. Montag
30. Dienstag
  1. Mittwoch
  2. Donnerstag Duo Steinberg-Havlicek
  3. Freitag Skurilles aus Wien: KF Kratzl - Doris Windhager
  4. Samstag Un-erhört - Kabarett mit Hans Radon - Fredi Gradinger
  5. Sonntag
  6. Montag
  7. Dienstag
  8. Mittwoch 1. Wiener Pawlatschen AG
  9. Donnerstag Vereinsabend "Das Wienerlied"
10. Freitag Schrammelensemble "Familie Pischinger"
11. Samstag Robert Kolar - Couplets
12. Sonntag 11.00 Uhr Frühschoppen Kurt Girk/Gerhard Heger
13. Montag
14. Dienstag
15. Mittwoch Wienerlied-Karaoke
16. Donnerstag Stammtisch Trude Mally/Roland Sulzer
17. Freitag Stammtisch Neue Wiener Welle
18. Samstag Wienerliedseminar mit Maria Walcher
19. Sonntag Wienerliedseminar mit Maria Walcher
20. Montag
21. Dienstag
22. Mittwoch
23. Donnerstag Die Strottern
24. Freitag Willi Lehner-Runde
25. Samstag Lesung Brigitte Neumeister
26. Sonntag 11.00 Uhr Frühschoppen Hodina-Koschelu-Hojsa-Schaffer
27. Montag
28. Dienstag
29. Mittwoch Dead Nittels unplugged - Letzte Ausfahrt Simmering
  1. Donnerstag Boris Eder singt Hermann Leopoldi
  2. Freitag Allegre Correa - Brasilianische Wienerlieder
  3. Samstag Georg Danzer liest Georg Danzer
  4. Sonntag
  5. Montag
  6. Dienstag
  7. Mittwoch 1. Wiener Pawlatschen AG
  8. Donnerstag Vereinsabend "Das Wienerlied"
  9. Freitag Worried Men Skiffle Group
10. Samstag Neue Wiener Concert Schrammeln/Traude Steinberg
11. Sonntag
12. Montag
13. Dienstag
14. Mittwoch Wienerlied-Karaoke
15. Donnerstag Uli Baer - Lucky Goldschmied
16. Freitag Stammtisch Neue Wiener Welle
17. Samstag Willi Resetarits liest aus "Hitzschlag" 18. Sonntag
19. Montag 20. Dienstag
21. Mittwoch 20
22. Donnerstag Stammtisch Trude Mally - Roland Sulzer
23. Freitag CD-Präsentation - Des Ano
24. Samstag aus der Steiermark: Die Landstreich
25. Sonntag
26. Montag
27. Dienstag
28. Mittwoch Andreas Okopenko - Schwänzellieder und Lockergedichte
29. Donnerstag Nachwuchsabend für Wienerliedinterpreten
30. Freitag Manfred Chromy - Wienerischer Blues
31. Samstag Stephan Paryla - "In Hur und Moll"

Das Projekt "Künste des Dialekts vereinigt euch in einem Lokal" hätte den Vorteil, dass zum Beispiel an zeitgenössischer Literatur interessierte Menschen auch mit den traditionellen Formen der Wiener Unterhaltung in Berührung kommen würden. Dieses Zusammenführen von Anhängern verschiedener "Minderheitenprogramme" wie es so schön heißt, halten wir für unentbehrlich. Es besteht nämlich ein großer Unterschied zwischen der Anzahl von Wienerliedkennern und Leuten, die sich zum Beispiel eine Fernsehsendung wie "Kaisermühlenblues" gerne ansehen. Dieser Vergleich macht sicher, dass es zwar ein prinzipielles Interesse (und dieses ist die erste Voraussetzung für Kunstgenuss) für "wienerische Kultur und Dialekt" gibt, die Protagonisten der kleineren Formen allerdings von den Leuten nur schwer gefunden werden können. Deshalb ist es unentbehrlich, dass eine Heimstätte des Wiener Dialekts gegründet wird und es einen Ort gibt, der mit dem Begriff "wienerisch" assoziiert wird.

Wienermusik in den Medien
Es gibt keine Wienerliedsendung auf Radio Wien. Die bis zur Reform im Jahre 1994 am Samstagnachmittag bestehenden fielen dem "Flächensystem" zum Opfer. Diese Sendungen, gestaltet von den Experten Klaus Schulz und Ernst Weber, zum Teil moderiert von Prof. Hodina und Walter Heider, waren zwar nicht unbedingt glühende Beispiele für modernes Großstadtradio, werden aber doch von nicht wenigen Menschen schmerzlich vermisst. Auf entsprechende Proteste nach der Streichung war von Seiten der Intendanz sinngemäß zu hören: "das interessiert niemanden, das ist fad" etc. Als "Feigenblatt" wurde das Projekt der Gesamtaufnahme der legendären "Kremser Alben" mit Heinz Zednik und Walter Berry, die sich in die Niederungen des Wienerlieds begaben, durchgezogen. Die katastrophalen Auswirkungen der Verbannung der "Wiener Volksmusik" aus dem lokalen ORF-Programm seien hier nur stichwortartig skizziert: Kein Forum für Komponisten, Autoren, Interpreten, keine Veranstaltungstipps, keine Newcomer, keine Tantiemenflüsse, keine Verbreitung neuer Lieder übers Radio, keine Tonträgerproduktion. Dem Vernehmen nach ist es aber auch prominentesten (Ex)ORF-Intendanten nicht gelungen, hier zu intervenieren. Es hätte unserer Meinung nach die Stunde der subventionierten Vereine schlagen müssen, die aber diese Problematik nicht erkannt haben oder - vielleicht durch interne Querelen ermattet - nicht die nötige Energie aufbrachten, eine Lobby zu bilden, um wenigstens zu erreichen, dass man eine halbe Stunde pro Woche an einem schlechten Sendeplatz (z.B. 19.30 Uhr) eine Wienerliedsendung im "öffentlichrechtlichen" Radioprogramm bekommen könnte. Auch die Hoffnung auf die Privatradios erwies sich als trügerisch. Einzig Radio Arabella, das sich auf die von den anderen Stationen nicht bedienten Nischen spezialisiert, spielt zweimal pro Tag ein Stück.

Im überregionalen Radio Ö1 findet sich selten, aber doch, ein wenig Sendezeit in der Leiste "Spielräume", manchmal auch in der Sendung von Herrn Resetarits. Von Regelmässigkeit kann aber auch hier keine Rede sein. ROI sendet eine periodische Sendung mit Wienerliedern in die Welt hinaus. Im Fernsehen sieht es im Moment auch nicht besonders rosig aus. Nach Absetzung der als Gegengewicht zum Musikantenstadl vorgesehenen Reihe "Aufgspielt wird" mit Karl Merkatz, Adi Hirschal, Hojsa-Emersberger und etlichen Stargästen aus der heimischen Unterhaltungsbranche (1992-1994) gab es noch als letzte Bastion den Seniorenclub. Auch eingestellt. Abgesehen von einigen Kurzauftritten von Roland Neuwirth im Kaisermühlenblues und eines Allerheiligenfeatures, bei dem originellerweise das "morbide Wien" vorgestellt wurde, war nicht mehr viel zu hören bzw. zu sehen, von Kontinuität sowieso keine Spur.  
   

Wienerlied im Internet
Man muss leider feststellen, dass das Internet im Verhältnis zu seiner sonstigen Bedeutung in der heutigen Zeit beim Thema Wienerlied zwar recht Interessantes, jedoch nur sehr wenig zu bieten hat. Dies mag an der scheinbaren Unvereinbarkeit von urwüchsiger Volkskultur und neuen Medien liegen. Dieses Vorurteil lässt sich sehr leicht mit dem Verweis auf die in jüngster Vergangenheit herausgegebenen CDs (einer relativ modernen Technologie) entkräften. Im Internet gibt es unter dem Suchbegriff "Wienerlied" folgendes zu sehen: Die "Alten" sind vornehmlich in Auflistungen von verfügbaren Tonträgern des Labels "documentrecords", in den Siebzigern ins Leben gerufen und in den Neunzigern nach England verkauft vom enthusiastischen Aufzeichner Johnny Parth, zu finden. Die "Jungen" haben ihre Homepages. Die Wienerliedzeitschrift "Der liebe Augustin" stellt das jeweilige cover, Bestellmodalitäten und auf unsere Initiative hin mittlerweile eine Linkseite ins Netz. Im Laufe unserer Recherchen für diese Arbeit installierten wir relativ bald ein Forum unter www.wienerlied.org, mit dem Hintergedanken, prinzipielle Themen, das Wienerlied betreffend, diskutieren zu können. Auf der offiziellen Seite der Stadt Wien www.wien.at wird in der internen Suchmaschine kein einziger passender Eintrag gefunden. Beim Wiener Volksliedwerk gibt es auf der Homepage nichts zu hören, so wie man auch prinzipiell sagen kann, dass die Hörbarkeit von Wienerliedern im Internet nahezu null ist.

Fazit
Abgesehen von der Möglichkeit, Tonträger zu konsumieren, ist es im Moment nahezu unmöglich, Wienerlieder über die elektronischen Medien zu rezipieren, modern ausgedrückt: Sie existieren nicht mehr. Wir empfehlen daher:

  • Einrichtung einer Arbeitsgruppe Radio unter Einbeziehung von AKM, Verlagen, Künstlern unter der Patronanz der MA7
  • Einrichtung eines Internet-Radios mit wienerischen Inhalten z.B. Wienerlied, Wiener Dialekt, Wiener Walzer


Internetradio
Internetradio ist eine relativ billige Technologie, die es ermöglicht, von jedem mit dem net verbundenen Punkt der Erde gewisse Inhalte jederzeit in erstklassiger technischer Qualität abrufen zu können (neben der eigentlichen Tätigkeit am Computer); es ist zu unterscheiden zwischen dem sog. "stream", d.h. einem Programm mit definierten Beginnzeiten, und dem "Rod" (Radio on demand), das sind Inhalte, die zu beliebigen Zeiten abrufbar sind. Im Normalfall werden von Internetradiostationen beide Segmente bedient. Die Einschaltquoten sind natürlich nicht mit solchen terrestrischer Frequenzen zu vergleichen, jedoch bietet das Internetradio die Möglichkeit, das so genannte "special interest"-Publikum zu bedienen, als eine Art Museum ebenso wie als Plattform für neue Entwicklungen. Was für Städte mit urbaner Volksmusik wie New Orleans, Paris, Havanna etc. eine Selbstverständlichkeit ist, sucht man in Bezug auf Wien vergeblich. Über das dafür nötige technische Knowhow verfügt sicherlich das Team von wien.at, die Programmierung wäre eine interessante Herausforderung sowohl für die Wienerlied-Vereine als auch für Vertreter der NeuenWienerWelle bzw. die durch die Entfernung der Wienermusik aus Radio Wien forumslos gemachten SendungsmacherInnen. Als Kooperationspartner könnten sicherlich die AKM (Tantiemenbegünstigung) und die Verlage gewonnen werden, auch die WienWerbung sollte einem solchen Projekt nicht abgeneigt sein. Die jährlichen Kosten für ein solches Unterfangen sollten die eines oder zweier Wienerliedfestivals nicht übersteigen. Es würden sich aber interessante Aufschlüsse in bezug auf die weltweite "Zugfähigkeit" der Wienermusik bzw. des Wiener Dialekts bieten. Durch gezielte Verlinkung mit den offiziellen bzw. kommerziellen Seiten, die Stadt Wien betreffend, bzw. denen der Auslandsösterreicher oder - wiener und denen der Tourismusindustrie sollte ein gutes Ergebnis für diese Plattform zu erzielen sein. Diese weltweite Hörbarkeit des momentan leider Unhörbaren stellt sich heute als unabdingbare Notwendigkeit für die (sub-)kulturelle Identität unserer Stadt dar.

Wienerlied und Gastronomie
Tischmusik ist die klassische Form der Wienerliedverabreichung in Heurigenlokalen. Der oder die Musikanten nehmen an einem der Tische Platz, beginnen zu spielen und gehen dann auf die - mehr oder weniger - erfüllbaren Wünsche der Gäste ein. Die Konversation mit den Gästen zwischen den Nummern hat einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Höhe der Trinkgelder. Die Motivation, zum Heurigen zu gehen, hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich gewandelt. War es früher, und das ist durch zahlreiche literarische Werke belegbar, üblich, auch alleine dorthin zu gehen, weil man sich sicher sein konnte, Gesprächspartner zu finden, so wird es in unserer Zeit fast als Beleidigung empfunden, wenn man unbekannterweise versucht, eine Unterhaltung mit Menschen, die am selben Tisch sitzen, zu beginnen. Heute ist nach Auskunft einiger Heurigenwirte im Vergleich zu früher der Restaurantcharakter (d.h. das Essengehen) im Vordergrund, man rechnet im Normalfall nicht damit, mit lebender Musik konfrontiert zu werden. Es gehört nicht mehr dazu. Man ist verunsichert. Ist das ein Bettler, ein Handwerker, ein Künstler? Man ist es nicht mehr gewöhnt, sich zu unterhalten bzw. sich unterhalten zu lassen. Der "harte Kern" der Wienerliedfreunde weiß heute die Lokale, wo der Girk- Kurtl, der Koschelu, die Trude Mally etc. auftreten. Das sind aber in den allerseltensten Fällen Heurige, sondern viel eher Wirtshäuser in Ottakring, Simmering oder Favoriten. Unserer Auffassung nach sind das die "heißesten" Termine und Adressen, vom künstlerischen Standpunkt betrachtet. Ein weiteres Spezifikum der Heurigenmusik war früher das sogenannte "Stangensystem". Eine "Stange" war ein Zeitraum zwischen 3 und 6 Wochen, identisch mit der Zeit, in der der jeweilige Heurige "ausg'steckt" hatte. Für den Musikanten bedeutete diese ein zeitlich begrenztes Engagement in einer Wirtschaft, was den Vorteil der relativen Unabhängigkeit vom Wirten ergab, andererseits musste man sich immer wieder um eine neue Beschäftigung umsehen. Auch war in gewissen "Grätzeln" für den Gast die Möglichkeit gegeben, zu Fuß zwischen verschiedenen Musikanten zu "switchen", da man oft nur ins Nebenlokal wechseln musste, um eine andere Formation sehen und hören zu können, mit anderen Worten: Es war vermutlich für jeden Geschmack etwas dabei. Durch diese hochinteressanten Gegebenheiten ergibt sich für uns folgendes Modell: Die Belebung eines lokalen Zentrums, 3-4 Lokale umfassend, jeweils in "Stangen" von 3 Wochen bespielt. Für die Akteure schlagen wir ein Rotationsprinzip vor, die Spielzeit sollte auf 3-4 Stunden beschränkt werden. Nach dem Vorbild der Bundesländer gehörte bei uns die Initiative "musikantenfreundliche Gaststätte" gestartet.

Konkret
An 3 Tagen pro Woche wird über einen Zeitraum von 3 Monaten in 3-4 Lokalen in unmittelbarer Nähe musiziert (3 Monate Pause/3 Monate Spielzeit). Dies ergäbe ein "gestrecktes", kontinuierliches, "unspektakuläres" Wienerliedfestival, was eine Initialzündung im jeweiligen "Grätzel" bedeuten könnte. "Unspektakulär" heißt aber nicht, dass ein solches Unterfangen nicht beworben sein sollte, ganz im Gegenteil. Die elektronischen Medien sind erfahrungsgemäß eher bereit, über eine solche Initiative zu berichten (natürlich auch als Kooperationspartner), als Wienermusik zu spielen. Ein Trägerverein - und nicht der Lokalbetreiber - sollte die Fixgage für die Akteure ausbezahlen. Sind die Wirten an einer Weiterführung des Projektes interessiert, können sie in den 3monatigen Pausen die Gagen selbst bezahlen. Nach Ablauf eines Jahres wechselt das "Langzeitfestival" in ein anderes Grätzl.

Als weiterer Berührungspunkt mit der Gastronomie sei hier der Frühschoppen angeführt. Dieser war ein Fixpunkt im Freizeitprogramm vieler Menschen. Auf einer Bühne wird Sonntags, beginnend um 11 Uhr, von mehreren verschiedenen Ensembles ein buntes Programm geboten. Bei Besucherzahlen zwischen ca. 150 bis 300 Personen ergibt sich ein nicht unbeträchtlicher Umsatz durch die Eintrittsgelder. Wir waren bei den letzten Ausläufern dieses Veranstaltungstyps noch dabei. Die sog. "Floridsdorfer Partie" rund um die Familie Heider (Christl Prager, Walter und Poldi Heider), das Duo Hojsa-Schaffer und Europa-Charly und nicht zuletzt Toni Strobl füllte die HdBs, vornehmlich in Transdanubien und im XX. Bezirk. Junge Talente wurden präsentiert, Tombolas veranstaltet, Tonträger verkauft, eine Sektbar betrieben. Und erstklassige Bühnenunterhaltung geboten. Aus organisatorischen und gesundheitlichen Gründen ist das - von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen - eingeschlafen. Eine "Tournee" durch die Schutzhäuser und HdBs der Bezirke wäre ein Alternativvorschlag für ein "Langzeitfestival" mit der Option auf zu Fuß zur Vorstellung kommender Zuschauer. Mit aktualisierter Besetzung, verbesserter Dramaturgie und "zeitgemäßen" Kooperationspartnern käme so die Wienermusik zu den Menschen zurück.

Die Katastrophe schlechthin war das Ableben der Liebhartstaler Wirtin Anny Demuth, deren Lokal "zum oidn Drahra" bis dahin den Musikantenstammtisch des WVLW beherbergt hatte. Es ist bis heute nicht gelungen, so etwas wieder ins Leben zu rufen.

Zusammenfassung
Wienerliedfreunde, -kenner, -sympathisanten und -interpreten mit hohem Niveau sind vorhanden, wahrscheinlich viel mehr als auf den ersten Blick zu erkennen. Fatal: Sie finden offenbar nicht recht zueinander. Wir empfehlen daher:

  • Einrichtung eines Lehrstuhls für Wiener Musik an einem Privatkonservatorium
  • Herausgabe eines Dialektlesebuchs für die Schulen
  • Ein Wienerliedprogramm auf der Bühne als Alternative zum Grinzingtourismus
  • Schaffung einer "Heimstätte des Wienerlieds bzw. Wiener Dialekts"
  • Einrichtung einer Arbeitsgruppe "Radio" unter Patronanz der MA7
  • Einrichtung eines Internetradios mit Wienerischen Inhalten
  • Ein kontinuierliches Langzeit-Wienerlied-Festival zur Belebung lokaler Zentren
  • Unterstützung einer Renaissance des Veranstaltungstyps "Frühschoppen in den Außenbezirken"
  • Das Wienerlied mehr im Kontext des Wiener Dialekts als in dem der Volksmusik zu betrachten
     
Thomas Hojsa und Helmut Emersberger treten seit 1991 als Wienerliedduo auf. Im Zuge dieser Tätigkeit kam es zu zahlreichen TV-und Radioauftritten im gesamten deutschsprachigen Raum. Ab 1993 Mitwirkung in der ORF-Serie "Aufg´spielt wird" mit Karl Merkatz uva. Daneben intensive Beschäftigung mit Popmusik, rege Produzenten-, Autoren-, und Komponistentätigkeit. Einige Theaterauftritte, insbesondere als Mitglieder des 1.Rorbaser Lesetheaters in der Schweiz. Im Moment Gründung der "1. Wiener Pawlatschen AG" Das Repertoire umfaßt alte und neuere Wienerlieder, Couplets, Kabarettlieder, sowie Eigenkompositionen. Seit 1999 Träger der Robert Stolz Medaille. Leben in Wien-Brigittenau.

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erstellt am 16. 08. 04 © http://www.daswienerlied.at