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Liebe Leserinnen und Leser,
hier entsteht – in unregelmäßigen Abständen – eine Zusammenfassung der Entwicklung unseres Wienerliedes. Wir beginnen mit der
     
Zeit der Bänkelsänger

Vorläufer des heutigen Journalismus?
     

Kann man sagen, daß die Bänkelsänger die Vorläufer unseres heutigen Journalismus waren? Warum nicht! Bedenkt man, daß Bänkelsänger mit Vorliebe nur "bad news" vermittelten, ergibt sich zumindest hier eine rechte Nähe zur Vorliebe vieler Zeitgenossen unter den Journalisten.

Zu einer Zeit, als ein Großteil der Bevölkerung noch weder lesen noch schreiben konnte, gab es Männer und Frauen, die von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt zogen, sich auf den Marktplatz stellten und vor ein neugierig gewordenes und oft schon mit Sehnsucht wartendes Publikum hintraten und sich, um besser gesehen zu werden, auf ein Bankerl stellten. Daher stammt der Begriff "Bänkelsänger". Für die vorgetragenen Geschehnisse galt: je schauriger, desto wirkungsvoller. Hier ein Beispiel:

Sabinchen
1.
Sabinchen war ein Frauenzimmer, gar hold und tugendhaft.
Sie diente treu und redlich immer bei ihrer Dienstherrschaft.

2.
Da kam aus Treuenbrietzen ein junger Mann daher,
der wollte gern Sabinchen besitzen und war ein Schuhmacher.

3.
Sein Geld hat er versoffen in Schnaps und auch in Bier.
Da kam er zu Sabinchen geloffen und wollte welch´s von ihr.

4.
Sie konnt´ ihm keines geben, da stahl er auf der Stell´
von ihrer guten Dienstherrschaft sechs silberne Blechlöffel.

5.
Jedoch nach achtzehn Wochen, da kam der Diebstahl ´raus.
Da jagte man mit Schimpf und Schande Sabinchen aus dem Haus.

6.
Sie rief: "Verfluchter Schuster, du rabenschwarzer Hund!"
Da nahm er sein Rasiermesser und schnitt ihr ab den Schlund.

7.
Das Blut zum Himmel spritzte, Sabichen fiel gleich um.
Der böse Schuster aus Treuenbrietzen, der stand um ihr herum.

8.
In einem dunklen Kellerloch, bei Wasser und bei Brot,
da hat er endlich eingestanden die grausige Moritot.

   



Der Bänkelgesang wurde vielfach sogar illustriert: Die Sänger trugen Tafeln mit sich, die oft grell bemalt waren.

Abbildung: Archiv Wiener Volksliedwerk
 
Bereits 1709 ist der Begriff "Bänkelsänger" zum ersten Mal aufgetaucht, obwohl schon im Jahrhundert zuvor diese Art der gesungenen Nachrichten- oder Geschichtenübermittlung hoch in Mode war. Sogar Teamarbeit war bereits gefragt: die Bänkelsänger traten als Paar auf, wobei meist Frauen sangen, während sich die Männer um ihre Instrumente kümmerten.

Auch wenn diese Vorträge meist nur zum Gaudium der Menschen diente, darf jedoch nicht vergessen werden, daß sie oft wichtige Neuigkeiten, ja sogar (halb-)amtliche Mitteilungen brachten, die den Menschen sonst nicht zugänglich gewesen wären. Unlängst erst hörten wir die Erzählung eines Südkärntners, der er als Bub noch erlebte, daß am Sonntag - meist nach der Messe - ein Mann vor der Kirche stand und die neuesten Gesetze vortrug, an die sich die Bergbauern zu halten haben. In diesem Fall ging es um um die unerlaubte Schnapsbrennerei(!). Wer sich dieses Vergehens schuldig machte, mußte mit einer hohen Geldstrafe rechnen. Interessanterweise soll dieser Vortragende gleichzeitig auch eine Art "Rechtsberater" gewesen sein, denn auf die Frage eines witzigen Bergbauern, "was, wenn ich das Geld nicht habe", soll der Kundige flugs geantwortet haben: "Dann geht´s halt ins Gefängnis für vierzehn Tage, das kommt euch billiger!"

Doch im 17., 18. und 19. Jahrhundert, als man für ein Vergehen wie Diebstahl noch mit dem Abhacken der Hand zu rechnen hatte, wird ein Dieb wohl mehr darüber nachgedacht haben, ob er dieses Risiko eingehen soll. Oft wurde wohl die Frage gestellt, wie viele Menschen es in jener Zeit waren, die nur mehr eine Hand hatten. Wäre diese Strafe heute noch aufrecht müßten nach der aktuellen Kriminalstatistik weit mehr als über 200.000 Menschen einhändig herumlaufen oder gar kopflos.

Der Bänkelgesang wurde vielfach sogar illustriert: Die Sänger trugen Tafeln mit sich, die oft grell bemalt waren. Nun konnten die schaurigen Vorträge mit aktuellem, historischem oder schaurigem Inhalt lauthals vorgesungen, vorgetragen werden, und die Menge erfuhr alles Wissenswerte über Morde, Diebstähle, Raubüberfalle und darauf folgende Hinrichtungen. Natürlich hatten auch Naturkatastrophen ihren Platz, vor allem die Brände und Überschwemmungen, die damals keine Seltenheit waren.

Eine ganz besondere Spezies entwickelte sich unter den Bänkelsänger: die sogenannten "Fratschlerinnen". Nicht seßhafte Obstverkäuferinnen zogen mit ihren gefüllten Obstkörben oder Butten in der Gegend umher, waren oft nicht sehr zart besaitet. Ihr loses Mundwerk, führten schließlich sogar dazu, daß auch andere, die dieselben Merkmale besaßen, als "Fratschlerinnen" gekennzeichnet wurden.

Die Fratschlerinnen waren, ob sie nun Obstverkäuferinnen waren oder nicht, ein beliebtes Objekt für die damaligen Humoristen der Wiener Szene. Wer erinnert sich da nicht an das Musical "My Fair Lady" mit Audrey Hepburn als "Eliza" und Rex Harrison als exentrischer Professor Mr. Higgins in den Hauptrollen. Als Mr. Higgins Elisa "Geh wuuuuuuusch!" hören schrie, kam er auf die Idee eines wissenschaftliches Experiments, das durch eine ausgebildete Sprache aus dem ungebildeten Blumenmädchen eine Lady machen sollte.

Aber wir können uns auch die Wiener Fratschlerinnen vorstellen, wenn es jemand wagte, das dargebotene Obst anzugreifen. "Krapl net des Obst an, entweder du kaufst deees oder ziagst ooh!" Was eindeutig war und keiner psychoanalytschen oder wissenschaftlichen Deutung bedurfte. Und Gott sei`s auch gedankt, daß sich auf den Wiener Märkten keine gelangweilten Professoren herumtrieben, denn unseren Humoristen wäre einiges entgangen, die Wiener gutturalen Laute von den Märkten verschwunden.

Ihr Obst verkauften die Fratschlerinnen vor allem in der Nähe der Stadttoren, später dann auf dem Naschmarkt und auf der Schanzel in der Nähe vor dem Rotenturmtor, wo sich der bedeutendste Obstmarkt befand. Im 19. Jahrhundert übersiedelte der Schanzelmarkt vor den heutigen Ringturm am Schottenring, um die Jahrhundertwende verschwand dann der Markt und mit ihm auch die letzten "Fratschlerinnen". "Ausfratscheln", sagen wir ja heute noch, wenn jemand von uns etwas wissen will – und wir mit unserem Wissen partout nicht herausrücken wollen.

Der Bänkelgesang wuchs auch zu einem guten Geschäft heran, als man die Texte drucken ließ und sie dan
n nach den Vorträgen verkaufte. Die Texte, die die Bänkelsänger – meist anonym – verfaßten, wurden als "Moritaten" bezeichnet. Die bekannten Melodien, die die Bänkelsänger sangen, wurden zum großen Teil aus Volksliedern entnommen. Der Begriff "Moritat" ist wohl durch zerdehnendes Singen des Wortes “Mordtat” (etwa Mo-re-dat) entstanden. Heute haben wir die Kenntnisse der Moritaten vielen Historikern, Volkskundler und Liedersammler zu verdanken.


Zum Abschluß noch ein Lied zum "Gaudium":

Der Butterräuber von Halberstadt

1.
Durch des Hunwalds düstre Gründe auf naturverschlungnem Pfad
wandelt eine alte Butterfrau zum Markt nach Halberstadt.

2.
Hu, da plötzlich stürmt des Wuldes kühner Sohn aus dem Geheg,
scharf bewehrt bis an die Zähne, und vertritt ihr flugs den Weg.

3.
"Sind Sie", sagt die Frau erblassend, einer dunklen Ahnung voll,
"nicht vielleicht der Räuber Heising, der allhier grassieren soll?"

4.
"Ja, ich bin´s, du Unglücksel´ge, ja, ich bin´s, der sich dir zeigt,
und du bist diejen´ge, welche nimmer meinem Grimm entweicht.

5.
Denn mit hochwillkomm´nem Futter nahst du mir zu guter Stund!"
Sprach und schnitt von ihrer Butter schweigend sich ein ganzes Pfund.

6.
Und wie Schuppen von den Augen fällt´s der Butterfrau sogleich:
"Sie sind Heising!", ruft sie schweigend. "Bin es!" spricht der Räuber bleich.

7.
"Bin´s und sage dir noch dieses: meinem Mordstahl fallest du,
bringst du mir nicht auf dem Rückweg Brot und Schlackwurst noch dazu."

Der Bänkelgesang hielt sich bis weit in das 19. Jahrhundert. CM

     
Recherchequellen:
Wiener Volksliedwerk
Universität Mainz
Geschichte des Bänkelsangs/Kulturvereine Kirchberg
Historisches Lexikon Wien, Felix Czeike, Verlag Kremayr & Scheriau, Wien 1992-1997
     
     
     
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erstellt am 18. 01. 05 © http://www.daswienerlied.at